Warum der Verlust eines Tieres so weh tun kann
Für viele Menschen ist ein Tier nicht einfach ein Haustier. Es ist ein Familienmitglied, was fest in den Alltag integriert ist, eine wichtige Bezugsperson und über viele Jahre ein selbstverständlicher Teil des eigenen Lebens. Wenn dieses Tier stirbt, kann die Trauer entsprechend sehr groß sein.
Trotzdem wird Tiertrauer gesellschaftlich häufig anders wahrgenommen als die Trauer um einen Menschen. Wer selbst nie eine enge Beziehung zu einem Tier hatte, kann vielleicht nur schwer nachvollziehen, warum der Verlust so belastend ist. Manchmal fallen dann Sätze wie „Es war doch nur ein Tier“ oder „Du kannst dir doch irgendwann wieder einen Hund holen“. Dabei wird häufig nicht gesehen, was mit dem Tod eines Tieres eigentlich alles einhergehen kann.
Tiere nehmen viel Raum im Alltag ein
Gerade wenn ein Tier viele Jahre bei uns lebt, ist es an sehr vielen alltäglichen Situationen beteiligt. Es ist morgens da, wenn wir aufstehen, begrüßt uns, wenn wir nach Hause kommen, liegt vielleicht abends neben uns auf dem Sofa. Mitunter gibt es uns eine feste Tagesstruktur vor. Mögliche Spaziergänge, Kuscheln, Spielen und Fütterungszeiten bestimmen mit, wann wir aufstehen, wann wir nach Hause müssen oder wie wir unseren Tag planen. Vieles davon nehmen wir irgendwann gar nicht mehr bewusst wahr.
Nach dem Tod verändert sich dieser Alltag von einem Tag auf den anderen. Gewohnheiten bleiben zunächst bestehen, obwohl das Tier nicht mehr da ist. Vielleicht wacht man morgens zur gleichen Zeit auf, denkt beim Nachhausekommen noch daran, dass man seinen täglichen Begleiter bald begrüßen darf, oder stellt das Futter zur gewohnte Zeit bereit. Je nach Tier hört man manchmal sogar die Pfoten auf dem Boden oder das Schnurren beim Kuscheln, obwohl das Tier leider nicht mehr da ist.
Ein Haustier begleitet manchmal einen ganzen Lebensabschnitt
Hinzu kommt, dass Tiere uns teilweise sehr lange begleiten. In zehn oder fünfzehn Jahren kann sich im eigenen Leben einiges verändern.
Vielleicht war das Tier während einer Trennung da, ist mit in eine neue Wohnung gezogen oder hat einen durch eine andere schwierige Lebensphase begleitet. Auch in kürzerer Zeit können Sie uns durch höhen und Tiefen begleiten. Manche Menschen nehmen ein Tier gerade in einer Zeit bei sich auf, in der sie einen anderen Verlust erlebt haben.
Dadurch können mit einem Tier auch bestimmte Erinnerungen und Lebensphasen eng verbunden sein. Wenn das Tier stirbt, kann deshalb mehr berührt werden als nur der aktuelle Verlust. Vielleicht werden frühere Verluste wieder präsenter oder man merkt plötzlich, wie viel sich seit der Zeit verändert hat, in der das Tier ins eigene Leben gekommen ist.
Das muss natürlich nicht bei jedem Menschen so sein. Aber es ist ein Aspekt, der erklären kann, warum der Tod eines Tieres manchmal besonders viel auslöst.
Die belastende Zeit beginnt häufig schon davor
Gerade bei älteren oder schwer erkrankten Tieren ist der Tod oft nicht der Beginn der Belastung.
Vielleicht gab es vorher schon viele Tierarzttermine, Medikamente oder Untersuchungen. Man beobachtet das Tier genauer als sonst und fragt sich immer wieder, wie es ihm gerade geht. Bei einer schweren Erkrankung kann die Versorgung außerdem viel Zeit und Kraft in Anspruch nehmen.
Dass die Pflege eines kranken Tieres für Halterinnen und Halter eine erhebliche Belastung darstellen kann, wird mittlerweile auch wissenschaftlich untersucht. In diesem Zusammenhang wird unter anderem von Caregiver Burden gesprochen.
Gleichzeitig kann bereits Trauer auftreten, obwohl das Tier noch lebt. Wenn absehbar wird, dass die gemeinsame Zeit begrenzt ist, setzen sich viele Menschen gedanklich schon mit dem bevorstehenden Verlust auseinander. Dafür gibt es den Begriff antizipatorische Trauer.
Man trauert dann möglicherweise schon um Dinge, die noch gar nicht vollständig verloren sind. Gleichzeitig ist das Tier noch da und braucht vielleicht gerade besonders viel Aufmerksamkeit und Versorgung. Das kann emotional eine große Herausforderung werden.
Für das eigene Tier entscheiden zu müssen, kann zusätzlich belasten
Ein weiterer Punkt, der bei Tieren eine besondere Rolle spielt, ist die Verantwortung, die wir für sie übernehmen.
Ein Tier kann nicht selbst entscheiden, ob eine weitere Behandlung durchgeführt werden soll. Es kann nicht sagen, wie es seine Lebensqualität einschätzt oder welche medizinischen Maßnahmen es noch möchte. Natürlich können wir das Verhalten eines Tieres beobachten und gemeinsam mit Tierärztinnen und Tierärzten versuchen einzuschätzen, wie es ihm geht. Die letztendliche Entscheidung liegt aber häufig beim Menschen.
Besonders deutlich wird das bei der Frage nach einer Einschläferung.
Nach dem Tod können deshalb Zweifel auftauchen: War der Zeitpunkt richtig? Hätte ich noch etwas anderes versuchen sollen? Habe ich zu lange gewartet? Hätte ich früher merken müssen, dass es meinem Tier schlecht geht?
Auch Schuldgefühle sind in diesem Zusammenhang nicht ungewöhnlich.
Gleichzeitig kann nach einer langen Erkrankung auch Erleichterung auftreten. Vielleicht weil man weiß, dass das Tier keine Schmerzen mehr hat, oder weil eine lange Zeit der Sorge und Pflege vorbei ist. Das kann wiederum irritieren und selbst Schuldgefühle auslösen. Dabei schließen Trauer und Erleichterung einander nicht aus.
Wenn das Umfeld die eigene Trauer nicht versteht
Was Tiertrauer zusätzlich schwierig machen kann, ist der Umgang des Umfelds damit.
Wenn ein nahestehender Mensch stirbt, gibt es gesellschaftlich relativ klare Vorstellungen davon, dass jemand Zeit braucht. Das Umfeld spricht sein Beileid aus, fragt nach und akzeptiert in der Regel, dass die betroffene Person eine Weile nicht so funktioniert wie sonst.
Bei einem Tier ist diese Anerkennung nicht immer selbstverständlich.
Dabei muss auch nach dem Tod eines Tieres einiges geregelt werden. Vielleicht muss kurzfristig entschieden werden, was mit dem Körper des Tieres geschehen soll. Manche Menschen entscheiden sich für eine Einäscherung oder eine Bestattung und müssen sich innerhalb kurzer Zeit um Dinge kümmern, über die sie vorher vielleicht noch nie nachgedacht haben.
Danach geht der normale Alltag meist ziemlich schnell weiter. Auf der Arbeit weiß vielleicht niemand, was passiert ist. Oder Menschen wissen es, fragen aber nach kurzer Zeit nicht mehr danach.
In der Trauerforschung gibt es dafür den Begriff „disenfranchised grief“, häufig übersetzt als nicht anerkannte Trauer. Gemeint sind Verluste, bei denen Betroffene das Gefühl haben, dass ihre Trauer gesellschaftlich nicht in gleichem Maße anerkannt wird. Tiertrauer ist ein Beispiel, das in diesem Zusammenhang untersucht wird.
Das kann dazu führen, dass Menschen weniger über ihren Verlust sprechen. Vielleicht möchte man nicht erklären müssen, warum man Wochen, Monate oder Jahre später noch traurig ist. Vielleicht hat man bereits erlebt, dass jemand die eigene Reaktion übertrieben fand. Dann behält man vieles eher für sich.
Gerade das kann zusätzlich belastend sein. Soziale Unterstützung spielt beim Umgang mit Verlusten eine wichtige Rolle. Wenn man dagegen das Gefühl hat, mit der eigenen Trauer nicht wirklich verstanden zu werden, kann der Verlust auch einsam machen.
Trauer um ein Tier muss sich nicht daran messen lassen, wie andere den Verlust bewerten. Wie belastend der Tod ist, hängt auch davon ab, welche Rolle das Tier im eigenen Leben gespielt hat. Es gibt deshalb keinen Grund, die eigene Trauer kleinzureden oder sich für sie rechtfertigen zu müssen.

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